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16.10.99 Wie ein versunkenes Vineta

© Das Ostpreußenblatt    / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. Oktober 1999 Ostpreußen e.V. / 16.10.99 /


Wie ein versunkenes Vineta
Die Königsberger Universität im Zusammenbruch des Reiches.
Teil III und Schluß
Christian Tilitzki

Nach dem Gutachten des vormaligen Kurators der Universität Königsberg, Friedrich Hoffmann, zu urteilen, standen sich seit 1933 an der Albertina stets zwei Lager gegenüber: Eine kleine radikale "NS-Clique" und die erdrückende Mehrheit von Akademikern, die allein wissenschaftlicher Wahrheitssuche verpflichtet gewesen sei. Hoffmann verfuhr dabei durchaus weitherzig, besonders mit jüngeren Dozenten, denen er das Parteiengagement gern als jugendlichen Enthusiasmus auslegte.

Auf die personelle Zusammensetzung der "NS-Clique" ging er zudem nie ein. Namen nannte er hier nicht. Denn "schmutzige Wäsche" wollte er unter den Augen der Sieger und Verfolger, bei nicht gewährleistetem Briefgeheimnis, nicht waschen. Auch gallige Anklagen wie die des Mediävisten Friedrich Baethgen (von 1929 bis 1939 an der Albertina) blieben daher die Ausnahme: Die Universität Königsberg habe sich NS-Einflüssen in einem Ausmaß geöffnet, das sie zu einer "Provinzuniversität mit parteioffizieller Färbung" herabsinken ließ, was beim Jubiläum im Juli 1944 "in erschütternder Weise" zutage getreten sei. Männer wie den Theologen Erich Engelbrecht machte Baethgen dafür verantwortlich.

Andere nannten den Rassenbiologen Lothar Löffler, den völkisch-radikalen Physiologen Friedrich Plattner, einen aus Österreich ausgewiesenen NS-Gauleiter, dessen Berufung Löffler 1936 durchpeitschte; wieder andere erinnerten an den ersten NS-Rektor, den Philosophen Hans Heyse oder den Prähistoriker Bolko von Richthofen. Auch der Name des regelmäßig von Hoffmann verteidigten Rektors von Grünberg fiel, ebenso der des Dekans der Philosophischen Fakultät, Theodor Schieder, dem man die Zugehörigkeit zum "Sicherheitsdienst" (SD) nachsagte. Ein wirklich veritabler SD-Mann, der spätere Amtschef im Reichssicherheitshauptamt, Franz Six, zwischen 1936 und 1939 Dozent für Zeitungswissenschaft blieb hingegen ungenannt. Ebenso der des wegen seiner medizinischen Experimente im Umfeld von Auschwitz später unter Anklage gestellten Gynäkologen Carl Clauberg, der lange als verschollen galt und über den Götz von Selle, Hoffmanns Nachfolger in dieser Göttinger Meldestelle, durch Claubergs Frau erst 1954 erfuhr, daß er in einem sibirischen Gefangenenlager noch am Leben sei.

Von solchen wirklichen oder vermeintlichen NS-Protagonisten der Universität versuchten aber nur wenige, mit dem Kurator Kontakt aufzunehmen. Hoffnungen auf die Fortsetzung der akademischen Karriere machte sich von ihnen kaum einer. So wie etwa der Baltendeutsche Walter Eckert, SS- und SD-Angehöriger, der 1938/39 das Institut für Ostdeutsche Wirtschaft (IOW) geleitet hatte und der sich über den Zusammenbruch hinaus unermüdlich mit siedlungshistorischen Studien über Nordosteuropa befaßte, mit denen er sich bei Hofmann – vergeblich – für eine Wiederverwendung in der "Ostforschung" empfahl. Entgegen einer verbreiteten Ansicht über die ineffiziente Entnazifizierung ist denn auch für die Königsberger Dozentenschaft festzuhalten, daß diese Verfahren ein echte "Säuberung" bewirken. Zahlreiche Parteiexponenten, Funktionsträger oder mit weltanschaulich nun inkriminierten Schriften "Belastete" mußten den Dienst quittieren oder vermochten sich nur noch am Rand des Hochschulbetriebs zu etablieren. Außer Löffler, Plattner, Clauberg, Six, von Richthofen, Heyse, Eckert und von Grünberg sind hier zu erwähnen die Theologen Hans Michael Müller (kurzzeitiger Berater des "Reichsbischofs" Müller) und Erich Engelbrecht, der Philosoph und Soziologe Ipsen, der Anglist Will Heraucourt, der Sportwissenschaftler Hans Mökelmann, der Volkswirtschaftler Peter-Heinz Seraphim, der IOW-Referent und SD-Mann Buchard (der in einer "Einsatzgruppe" gedient hatte), Dietrich Reiser, ebenfalls ein IOW-Referent, der wegen seines Dienstes in der Waffen-SS lange in Internierungshaft saß, der Schädlingsforscher Lothar Szidat (der nach Argentinien auswanderte), der Geograph Arved Schultz, einer der wenigen Ordinarien der Philosophischen Fakultät, die vor 1933 der NSDAP angehörten, der Geologe Karl Schloßmacher, die Physiker Harald Volkmann und Herbert Stuart und eine Reihe weiterer Naturwissenschaftler und Mediziner, die in der Privatwirtschaft mindestens vorübergehend ihr neues Auskommen fanden.

Dieses Ausmaß der "Säuberung" gestattet jedoch nicht den (Kurz-) Schluß, daß sie einfach nur die Reaktion auf den Grad der "Nazifizierung" gewesen war. Man muß sehen, daß es den Mitgliedern eines über ganz Deutschland verstreuten Lehrkörpers, ohne institutionellen Rückhalt und ohne ein angestammtes Beziehungsgeflecht, über das die Kollegen zwischen Greifswald und Freiburg verfügten, um vieles schwerer fiel, den Sprung zurück an die Hochschule zu schaffen. Zudem – auch das vermitteln die Korrespondenzen des Kurators – war jedes einzelne politische Engagement so facettenreich, daß es schon des groben Rasters der Spruchkammer-Kriterien bedurfte, um daraus scheinbar "eindeutige" Fälle zu konstruieren. Insofern liefern die Akten des Kurators mit ihrer Detailfülle eher den Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen, um Sachverhalte aufzuklären und die neuere Geschichte der Albertina in größtmöglichster Komplexität darzustellen.

Ungeachtet der hohen Kriegs- und "Säuberungs"-Verluste kann man doch registrieren, daß Hoffmanns Gutachten vielen "Gefährdeten" halfen, die Entnazifizierungsklippe zu umschiffen und so einen Teil des Königsberger Lehrkörpers der rest-deutschen Forschung und Lehre zu erhalten und ihn vorwiegend in die westdeutsche Hochschullandschaft zu integrieren. Dazu zählten in erster Linie die Historiker und Staatswissenschaftler Theodor Schieder, Werner Conze, Carl Jantke, Georg Weippert, der Musikwissenschaftler Hans Engel, der Theologe Wolfgang Philipp, die Juristen Ernst Forsthoff, Wilhelm Glas, Paul Bockelmann, Gerhard Schiedermair und Reinhard Maurach, die Naturwissenschaftler und Mediziner Kurt Walter Merz, Otto Koehler, Felix von Mikulicz-Radecki, Wilhelm Meyer, Walter Müller und Arthur Läwen.

Im Rückblick auf seine Wirkungsstätte schrieb Hoffmann 1946, daß sie ihm erscheine wie ein "versunkenes Vineta": "Königsberg ein Trümmerhaufen und Ostpreußen eine Wüste". Angesichts dieser deprimierenden Bilanz, und nahezu täglich mit frischen Nachrichten über Tod, Gefangenschaft, Flucht und Entbehrungen konfrontiert, haftet der Anstrengung Hoffmanns, administrative Normalität im permanenten Ausnahmezustand der letzten Kriegsmonate und der Nachkriegsjahre zu bewahren, aus heutiger Perspektive für die meisten Zeithistoriker etwas Provozierendes an.

Nach dem radikalen, seit 1968 beschleunigten bundesdeutschen Bewußseins- und Wertewandel erträgt man die elastische Härte nicht, und nicht mehr die Selbstsicherheit und Leidensfähigkeit, den auf Gott, Volk und Nation bezogenen Gemeinschaftsgeist der Generationen, die das Deutsche Reich durch zwei Weltkriege hindurch trugen. Auch viele Briefe der in den Westen verschlagenen Frauen Königsberger Dozenten, die von Verzweiflung, Ungewißheit und oft von nackter materieller Not sprechen, dokumentieren dieses merkwürdige Nebeneinander äußerster Trostlosigkeit der Lebensumstände und eines mitunter fanatisch anmutenden Willens, wenigstens die ideellen Grundlagen der tradierten Ordnung zu retten und die regelmäßig große Kinderschar zu befähigen, "das geistige Niveau zu halten" (Hilda Mothes). Diese Mischung aus mitunter autistischem Pragmatismus und altruistischem Idealismus enthielt die Potenzen für den "Wiederaufbau" und das "Wirtschaftswunder"; sie verschluckte zugleich viel von dem Schmerz über das Verlorene, der leicht hätte übermächtig werden können.

Der Verfasser dieses Artikels arbeitet an einer Geschichte der Königsberger Albertus-Universität von 1918 bis 1945. Hierfür werden noch Zeitzeugenberichte und Dokumente aus privaten Nachlässen gesucht. Zuschriften werden erbeten an die Adresse des Autors: Kaiserin-Augusta-Allee 29, 10553 Berlin.